Müller-Lyer

Arglistiges im Kaminzimmer

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat man mehr als 200 Figuren entdeckt, die geometrisch-optische Täuschungen hervorrufen. In der oben aufgezählten Reihenfolge der Irrtümer haben wir im vorliegenden Bild die Ponzo-, Müller-Lyer-, Vertikal- und Poggendorff-Täuschungen.

Wenn Sie auf die Namen klicken, sehen Sie alle vier nochmal in Reinform (entsprechend werden Linien sichtbar wie in beigelegter Graphik): Von zwei gleichlangen, horizontalen Linien, die zwischen aufeinander zulaufenden Linien liegen, erscheint die untere verkürzt.

Gleiches gilt, wenn sich an den Enden nach außen weisende statt nach innen zeigende Pfeilspitzen befinden. Steht eine von beiden senkrecht auf der anderen, hält man sie für länger. Und wird eine schräg verlaufende Linie von zwei parallelen unterbrochen, glaubt man, sie laufe versetzt weiter. So weit, so gut, doch woher rühren solche Täuschungen?

Es gehört zu ihrem Wesen, daß das Wissen darum nicht reicht, um anders zu sehen, und daß sie auch funktionieren, wenn man die aufeinander wirkenden Linien jedem Auge einzeln darbietet. Kurz gesagt muß es sich um Effekte der Verarbeitung im Großhirn handeln, wo die Informationen beider Augen zusammengeführt werden.

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Manche Theorien gehen davon aus, daß dabei Ungenauigkeiten passieren, die Phänomene also so etwas wie Fehlfunktionen sind. So etwas könne geschehen, etwa wenn sich Nervenzellen gegenseitig hemmen.

Beispielsweise sind Neuronen, die orientierte Kanten detektieren, in der primären Sehrinde benachbart. Bei spitzen Winkeln würden diejenigen erregt, die genau auf die Kanten spezialisiert sind, die diese Winkel bilden. Gleichzeitig aber hemmen sie auch die Kollegen nebendran. Sofern sie dies auf der Innenseite des Winkels stärker täten als außen, erschiene uns der Winkel etwas zu groß.

TäuschungDerartige Hemmprozesse sucht man unter anderem für die Müller-Lyer-Täuschung heranzuziehen, doch gibt es Experimente, die an dieser Erklärung zweifeln lassen. Es ist auch wenig verständlich, warum sich Fehleinschätzungen von Winkeln im Laufe der Evolution erhalten haben sollen.

Naheliegender scheint es anzunehmen, daß solche Täuschungen eigentlich gar keine sind, sondern aus den normalen Wahrnehmungsprozessen resultieren.

Das dargebotene Bild des Kaminzimmers beispielsweise wirkt ja räumlich und wird vielleicht nur durch seine Projektion auf den zweidimensionalen Bildschirm zur Falle. So könnte das perspektivische Sehen verantwortlich sein: Die Ponzo-Täuschung beruhte dann auf der Erfahrung, daß scheinbar zusammenlaufende Linien, wie sie Straßenränder begrenzen, in immer größere Entfernung führen.

Von zwei gleich lang erscheinenden horizontalen Objekten muß also das hintere in Wirklichkeit länger sein. Verrückterweise bleibt der Eindruck bei der Zeichnung auch dann noch erhalten, wenn man sie dreht (oder den Kopf auf die Schulter legt).

Noch verrückter aber ist, daß diese ganz normale Fähigkeit des Gehirns, die Größe von Objekten aus der Perspektive richtig einzuschätzen (Größenkonstanz), auch ohne den räumlichen Kontext erhalten bleiben soll. Es sind nun mal keine Eisenbahnschienen auf dem Bildschirm zu sehen, sondern Linien.

Doch anscheinend verfügen wir über ein Instrumentarium des räumlichen Sehens, das von sich aus funktioniert. Auf jeden Fall beschäftigt dieses spannende Gebiet nicht nur die Wissenschaftler. Maler wie M. C. Escher verstanden es hervorragend, mit unserer perspektivischen Wahrnehmung zu spielen, um uns beispielsweise auf unterschiedlichsten Ebenen gleichzeitig begehbare Treppen vorzugaukeln